MBTP 009: Mr. Chan: Senkt nicht das Niveau!

Als ich an jenem Montagabend in den späten 1970er Jahren erstmals an einem Qigong-Kurs teilnahm, hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was mich erwartete. Ich wusste auch noch nicht, dass dieser kleine Mann, der diesen Kurs unterrichtete, mich etwas lehren würde, das so völlig anders war als alles, was ich bis dahin kennenlernte.

Dieser Podcast erinnert an meine ersten Trainingsstunden mit meinem Qi Gong-Lehrer.

Ausserdem habe ich noch einen Text über Mr. Chan und ein Foto von uns beiden beigefügt. Dazu noch ein Web-Link zu einem Video über Mr. Chan.

Extras

• Text über Mr. Chan

Als ich an jenem Montagabend in den späten 1970er Jahren erstmals an einem Qigong-Kurs teilnahm, hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was mich erwartete. Ich wusste auch noch nicht, dass dieser kleine Mann, der diesen Kurs unterrichtete, mich etwas lehren würde, das so völlig anders war als alles, was ich bis dahin kennenlernte. Damlas wusste ich noch nicht, dass ich mich eigentlich in eine Schule des Lebens eingetragen hatte.

Damit begannen fünf Jahre intensiven Studiums mit einem Mann, der mich weit mehr lehrte als das Qigong, das er so liebte. Die wichtigste Lektion gab er mir mit seinen Worten mit auf den Weg, als ich 1983 New York verließ, um nach Deutschland zu ziehen. Er erteilte mir seine Erlaubnis, fortan selbst Qigong zu unterrichten und erklärte mir dabei: „Das Wichtigste ist, dass du mit deinem Herzen und nicht mit deinem Verstand unterrichtest. Dann ist dein Qigong richtig und dann ist es letztlich gleichgültig, ob du einen Fehler in der Form machst.“

Mr. Chan’s Wissen war enorm. Bereits mit 10 Jahren begann er mit taostischer Meditation und Qigong bei den Mönchen des An De Guan-Kloster, das nahe seines Heimatortes in der Fujian-Provinz lag. Er lernte „White Crane-Boxen“ und Stehmeditation bei dem berühmten Meister Chen Jin Ming. Mit 11 Jahren begann er das Shaolin-Boxen mit Meister Lian Dak Fung und studierte das „Taiji Ruler Qigong“ bei Meister Lui Chow-Munk. Nach dem 2. Weltkrieg zog der auf die Philippinen, wo er die chinesische Kampfkunst Xingyiquan bei Meister Chow Chang-Hoon lernte und die taostische Kampfkunst Baguanzhang bei Meister Liu Hing-Chow und Meister Liang Kay Chi.

Diese Details waren mir aber damals, als ich Schülerin von Meister Chan war, unbekannt. All dies erfuhr ich erst in dem Nachruf, der nach seinem Tode am 17. März 2002 veröffentlicht wurde. Er hatte über sein persönliches Leben so gut wie nie gesprochen. Was ich von ihm wusste, war, dass er acht Kinder hatte, seine Frau sehr liebte und dass er einen unspektakulären Job im Warenlager eines Sportwarengeschäfts hatte. Als er noch auf den Philippinen lebte, unterrichtete er jeden Morgen im Park Qigong, bevor er sich seinem Fulltimejob im Familienbetrieb widmete.

Er gestattete es uns nicht, ihn Meister zu nennen. Und er lehnte alle Interviewanfragen ab. Er erlaubte seinen Schülern auch nicht, über ihn zu schreiben. Ken Cohn, ein sehr bekannter amerikanischer Qigong-Lehrer, hatte einige Jahre vor mir bei Meister Chan gelernt und berichtete davon:

“Als ich Chan fragte, wofür das B.P. vor seinem Namen stehe, antwortete er mir: “Möchtest du Kampfkunst lernen oder meinen Namen studieren?”

Ken ließ sich davon entmutigen und fragte weiter: „Wie sollen meine Schüler wissen, ob ich überhaupt dazu authorisiert bin, Qigong zu unterrichten, wenn ich ihnen nicht von der Linie erzählen kann, in der ich stehe?

Mister Chan antwortete: „Gutes Qigong folgt den Qigong-Prinzipien und kreiert genau dadurch Gesundheit und Glück. Es ist keine Frage der Linie. Du wirst kein besserer Lehrer durch den Namen eines Lehrers.“

Gutes Qigong war für Mister Chang weniger eine Frage der perfekten Beherrschung der Formen, sondern vielmehr die Fähigkeit, den wahren Geist des Qigong in der Praxis zu verkörpern. Deshalb gab er alles daran, seinen Schülern mit den äußeren Formen zugleich auch den Geist des Qigong zu vermitteln.

• Web Links

Kurzes Video von Mr Chan

• Buch

Stille in Bewegung: Tai Chi und Qi Gong – Mit Übungen für Körper und Geist
Von:
Linda Myoki Lehrhaupt (Autor), Karin Petersen (Übersetzer)
Verlag:
Theseus Verlag; Auflage: 1., erw. Neuausg. (9. November 2016)