Wie das Projekt entstand

Ein Wort stand am Anfang dieser Projektidee: Ernte. Ich stehe im Herbst meines Lebens. Wohl deshalb verspüre ich den Impuls, meine mehr als 35 Jahre Lehrtätigkeit von achtsamkeitszentrierten Methoden zu reflektieren. Alles in allem umfasst meine Tätigkeit als Lehrerin mittlerweile ein halbes Jahrhundert. Nun ist die Zeit reif für die Ernte.

Lehrerin zu sein ist für mich ein Ruf und eine Berufung. Und es ist der Wunsch danach, mit anderen Menschen verbunden zu sein. Martin Buber, der große jüdische Philosoph, sagte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Jedes Mal, wenn wir zusammenkommen und etwas voneinander lernen, nutzen wir die Gelegenheit, uns zu verbinden und Gemeinschaft zu erfahren.

Ein Moment wahrer Begegnung kann ein entscheidender Wendepunkt im Leben sein. Ich darf mich glücklich schätzen, denn ich habe als Lehrerin vieler dieser Momente voller Wunder erfahren. Sie umfassen die ganze Bandbreite von Freude und Trauer, von Inspiration und tiefster Verzweiflung. Durch all diese Zeiten begleiteten mich die Praxis der Achtsamkeit und mein Wunsch, meinem eigenen Wesenskern und dem anderer Menschen zu begegnen, die ihr Inneres so vertrauensvoll mit mir teilten. Ich erachte dies als ein großes Geschenk.

In diesen Podcasts erzähle ich meist eine Geschichte und beziehe diese auf einen Aspekt des Lehrens. Einige der Geschichten habe ich selbst erlebt, andere habe ich von Menschen, die mich etwas lehrten. Ich habe mich für eine Podcast-Serie entschieden, weil ich wollte, dass die Geschichten mündlich erzählt werden und damit die Tradition des Geschichtenerzählers lebendig erhalten wird. Wir können so direkt aus der Kraft der Geschichten schöpfen. Zu den Geschichtenerzählern, die mich stark beeinflussten, gehören Rachel Naomi Remen, Jack Kornfield, Isaac Bashevis Singer, Anthony de Mello, Kinderbücher wie „Die kleine blaue Lokomotive”, sowie viele Zengeschichten, die den Mittelpunkt meiner Zenpraxis seit fast vier Jahrzehnten bilden.

Als Kind war ich fasziniert von der Geschichte der kleinen blauen Lokomotive. Ich lernte ganze Passagen auswendig und sagte sie immer wieder lauf auf. Bis heute kann ich aus zwei Büchern jederzeit rezitieren: Aus der kleinen blauen Lokomotive und aus den mittelalterlichen Canterbury Tales. Die Botschaft der kleinen Lokomotive „Ich glaube, ich kann‘s! Ich glaube, ich kann‘s!“ ist der Tenor meines Lebens. Und die Pilgergeschichte der Canterbury Tales hat mich wahrscheinlich dazu inspiriert, die Pilgerschaft als Thema für meine Doktorarbeit zu wählen.

Wir können zwar niemals genau den Einfluss ermessen, den eine Geschichte auf das eigene Leben ausübt. Doch nicht umsonst ist das Geschichtenerzählen zentraler Bestandteil unseres Menschseins.

Rachel Naomi Remen schreibt: „Manchmal brauchen wir eine Geschichte mehr noch als Nahrung, um zu überleben. Geschichten sagen uns, wer wir sind, was uns möglich ist und was wir erreichen könnten. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht alleine sind mit dem, was uns widerfährt und dass wir immer Ressourcen haben, in uns, in der Welt um uns herum sowie in der unsichtbaren Welt. Ressourcen, die wir nutzen können, um die Herausforderungen zu bestehen.” (Quelle: Podcast episode “Listening Generously,” von On Being with Krista Tippett, 27.11.2008)

Alle Podcasts habe ich in meiner Muttersprache Englisch spontan erzählt und aufgenommen. Meist war ich dabei alleine. Ich begann immer damit, einige Minuten still zu sitzen und das Thema oder die Geschichte, über die ich sprechen wollte, Gestalt annehmen zu lassen. Manchmal machte ich mir davor einige Notizen oder hatte Zitate zur Hand. Wenn der richtige Moment gekommen war, begann ich zu sprechen. Und obwohl es in dem Moment noch keine Hörer gab, fühlte ich mich nach nur wenigen Worten mit euch verbunden und die Worte flossen mühelos aus mir heraus.

Es gab nur ganz wenig Lektorat der Texte. Ich wollte sie nicht perfekt und fehlerlos machen. Sie sollten lebendig und authentisch sein. Ich nahm einige „Umms“ und „ands“ heraus. In der englischen Version gibt es daher öfters mal Pausen, während ich auf die richtigen Worte warte. Ich ließ die Pausen drin, meist auch die eher unbeholfenen Ausdrücke, da es mir wichtiger war, die lebendige Präsentation zu erhalten anstatt den Text aufzupolieren.

Die Texte wurden von der Autorin Christa Spannbauer, mit der ich bereits an einigen Projekten zusammenarbeitete und die mein letztes Buch „Die Wellen des Lebens“ übersetzt und herausgegeben hat, ins Deutsche übersetzt. Ursprünglich dachte ich daran, die deutschen Texte jemand anderes einsprechen zu lassen, doch meine Familie und Freunde überzeugten mich davon, dass es wichtig sei, meine Stimme zu hören und nicht die von jemand anderem. So möchte ich an dieser Stelle meine deutschsprachigen Hörer und Hörerinnen um Geduld und Verständnis dafür bitten, dass meine Aussprache nicht perfekt ist.

Beim Sprechen richtete ich mich innerlich immer an Menschen. An Sie. Und so freue ich mich, Ihnen diese Podcasts nun anbieten zu können.

Mögen die Podcasts Sie in Ihrer Arbeit und Ihrem Leben unterstützen.

Mit den besten Wünschen,
Dr. Linda Lehrhaupt